Ist Moral Männersache?

Veröffentlicht: 29. April 2011 in Weltanschauliches
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Kürzlich habe ich eine interessante Folge von WDR5: Das philsosophische Radio gehört, und zwar die Folge vom 11.2.2011 mit Jürgen Wiebicke im Gespräch mit Roland Henke über Kants Konzept moralischer Erziehung:

http://medien.wdr.de/m/1297497583/radio/philosophischesradio/wdr5_das_philosophische_radio_20110211_2100.mp3

Besonders spannend fand ich eine Frage, die durch einen Zuhörerbeitrag aufkam (ab Minute 38). Peter Möller aus Mülheim an der Ruhr beschreibt ein Gedankenexperiment, dass er als Lehrer seit 20 Jahren im Philosophieunterricht mit 15-19jährigen durchführt.

Auf anonymen Zetteln – nur männlich oder weiblich markiert – sollen die Schüler bzw. Schülerinnen wertend Stellung beziehen zu folgender Situation:

Deine Mutter (bei Jungs: Dein Vater) hat aus Eifersucht den anderen Elternteil getötet. Nur Du kennst die Wahrheit; für die Außenwelt sieht es wie ein Unfall aus. Wie reagierst Du auf die Tat?

„Das Ergebnis ist mehr als desillusionierend“, sagt der Lehrer. 80 Prozent der Schülerinnen würden aus Angst, die Liebe zur Mutter zu zerstören, diese nicht bei der Polizei anzeigen. 60-70 Prozent der Schüler hingegen schreiben, sie würden die Polizei rufen, wenn der Vater sich nicht selbst stelle.

Fazit des Lehrers: Moral ist (eingeschränkt) männlich. Auf der weiblichen Seite verschwimmt sie überwiegend in diffusen Emotionen.

Eine interessante Geschichte. Nur: Liegt der Unterschied wirklich an der Geschlechtszugehörigkeit der Befragten? Was meint Ihr?

Was mir dazu seit einigen Tagen im Kopf herumgeistert, ist Folgendes: Er befragt ja die Mädchen zur Mörder-Mutter und die Jungs zum Mörder-Vater. Wozu dieser Unterschied beim Täter? Ist wirklich anzunehmen, dass diese Art der Fragestellung gleiche Schlüsse auf den Befragten zulässt? Verhalten sich männliche Jugendliche zu ihrem Vater so wie weibliche Jugendliche zu ihrer Mutter? Oder kann es sein, dass der Lehrer auch Mathematik unterrichtet und daher der Meinung ist, er müsse in einer Gleichung auf beiden Seiten mit -1 multiplizieren (also das Vorzeichen umdrehen), damit sie äquivalent ist? 😉 Jungen sind aber keine negativen Mädchen, ebenso sind Mädchen keine negativen Jungen.

Vielleicht würden die Jungs auch zu fast 80 Prozent unmoralisch handeln (also aus Rücksicht auf Familienbande und Elternliebe den Mörder/Totschläger nicht ausliefern), wenn auch sie zur Situation befragt würden, dass die Mutter den Vater getötet hätte. Vielleicht zählt einfach die Mutterliebe mehr, auch bei Jungs? Oder vielleicht zieht man eher gefühlsmäßig in Betracht, dass sich die Mutter gegen den ‚übermächtigen‘ Vater vielleicht nicht anders wehren konnte (aus wirtschaftlicher Unterlegenheit und/oder geringer körperlicher Kraft, etc.), während man dem Vater eher sagt: „Das Problem hättest Du auch anders lösen können“?

Ich hätte jedenfalls als Jugendlicher meinen Vater garantiert ‚verpfiffen‘ (das klingt so unmoralisch, obwohl es ja hier die moralisch richtige Tat ist), während mich meine Mutter damals emotional so weit unter Kontrolle hatte, dass ich vermutlich eher nach Ausflüchten gesucht hätte, sie nicht ‚auszuliefern‘.

Also: Eine spannende Frage. Man könnte den Fragebogen ja auch mal umgestalten bzw. um die Frage ergänzen „Würdest Du genauso handeln, wenn der Totschlag umgekehrt stattgefunden hätte“. Wobei diese Fragestellung vermutlich schon das Ergebnis verfälscht.

Besser wäre es vermutlich, mal in einer neuen Befragung alle Schülern und Schülerinnen nach dem Vatermord zu befragen und in einer anderen Klasse alle Schüler und Schülerinnen nach dem Muttermord. Dann könnte man sehen, ob die Geschlechtszugehörigkeit der Antwortenden tatsächlich so einen großen Einfluss auf die moralische Güte der Entscheidung hat.

Vielleicht gibt es dazu ja auch längst Untersuchungen. Leider habe ich nichts gefunden, aber ich bin gespannt zu erfahren, was Ihr dazu zu sagen habt. Daher bitte ich um reichlich Kommentare. 🙂

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Kommentare
  1. übrigens verstehe ich auch nicht ganz, was daran jetzt so aufregend sein soll.
    WENN es den grundlegenden GESCHLECHTERunterschied quasi a priori schon mal
    gibt, dann liegt die wahrscheinlichkeit doch nahe, dass diese differenz auch
    auf anderen existenziellen gebieten folgen nach sich zieht.
    und es zeugt von weltfremdheit, sich auch nur annäherungsweise vorzustellen,
    dass eine gleichheit zwischen frau und mann herrscht im wortsinne.
    die gesamten genderstudies des 20.jahrhunderts kann man in die mülltonne
    stecken, da sie ideologisch völlig verseucht und eindeutig agitatorisch-
    propagandistisch aufgebaut waren.

    Peter Möller Mülheim an der Ruhr

    • RoFrisch sagt:

      Ich find es auch nicht „aufregend“, sondern nur „interessant“ (wie Jürgen Wiebicke und sein Gast in der Sendung), dass der Unterschied so deutlich ausfiel. Ich will auch ganz bestimmt keine Gleichheit der Geschlechter herbeireden.

      Wenn der Unterschied in Bezug auf Moralfragen so deutlich ist, erklärt mir dies vielleicht gewisse Reaktionen der weiblichen Verwandtschaft. Mehr sag ich hier aber besser nicht, sonst krieg ich noch Haue von denen. 😉

      Gruß, Roland

  2. eine kleine korrektur.
    heute (6.mai) habe ich im berufskolleg mülheim mit 7 personen (3 schüler,
    2 schülerinnen, 2 lehrerinnen) den moraltest dergestalt durchgeführt, dass
    alle die MUTTER als mörderin hatten. interessanterweise hat niemand die
    mutter angezeigt, aber die schüler sind deutlich HÄRTER („nehme sie
    auseinander“; „scheiße sie zusammen“) mit ihr umgegangen.
    was LETZTLICH meine ausgangsthese der konsequenteren umgehensweise
    mit moral auf seiten der männer bestätigt.

    gruß Peter Möller

    • RoFrisch sagt:

      Dass keiner der 3 Schüler die Mutter angezeigt hätte, kann man natürlich auch anders interpretieren. Die Stichprobe ist nicht gerade repräsentativ. Aber Danke für den Test.

  3. nein, ich glaube das nicht, dass sich das testergebnis ändern würde, wenn ich die
    jungen ebenfalls mit ihrer mutter und deren tat konfrontiert hätte. das ergab
    sich aus dem nachfolgenden unterrichtsgespräch, in dem die schülerinnen
    aus tiefen seelisch-emotionalen gründen heraus argumentierten und sogar
    eingestanden, dass sie nicht anders könnten, obwohl ihnen einleuchtete, dass
    das, was sie taten, schlicht unmoralisch-unrichtig sei.
    die schüler in meinem unterricht (über die jahre hinweg) ließen sich eher von
    konsequent angewendeten wertvorstellungen leiten als die schülerinnen.
    übrigens habe ich bei erwachsenen frauen die gleichen reaktionen (in der
    mehrzahl) erfahren.
    ließe man die deutsche bevölkerung über die natomaßnahmen gegen gaddafi
    abstimmen, so garantiere ich Ihnen, dass die frauenmehrheit dagegen wäre
    und die meisten deutschen männer dafür.

    gruß Peter Möller

    • RoFrisch sagt:

      Herzlichen Dank für die Antwort „aus erster Hand“. Und weiterhin viele interessante Diskussionen im Unterricht zu dieser interessanten Frage.
      Herzliche Grüße, Roland Frisch

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