Im Untergrund

Veröffentlicht: 25. Mai 2011 in Bahn und Wahn
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Heute nachmittag geht es für mich in den Kölner Untergrund. Besichtigung einiger Baustellen der Nord-Süd-Stadtbahn. Waidmarkt wird vermutlich nicht dabei sein. 😉 Jedenfalls freue ich mich schon sehr auf die Tunneltour. Hoffentlich kann und darf man Fotos machen.

Bei der Gelegenheit fiel mir ein, was frühere U-Bahn-Baustellen so alles zu Tage gefördert haben. Einen Bericht dazu hatte ich mal auf koelnbahn.de. Er stammt aus der Zeit, als ich noch Erwachet!-Leser war. Bitte nicht erschrecken wegen der Quellenangabe…

Es geschah im Jahre 1912. Beim Bau der damals noch recht neuen New Yorker U-Bahn machten die Tunnelarbeiter eine unglaubliche Entdeckung: Sie stießen auf einen unterirdischen Raum, der ausgestattet war mit Spiegeln, Kronleuchtern und Fresken. Die Holzvertäfelung der Wände war zwar schon arg verwittert, und auch der Brunnen in jenem Raum plätscherte schon lange nicht mehr. Jedoch war offensichtlich, daß dieser Raum prunkvoll wie ein Palast ausgestattet war. Neugierig gingen die Arbeiter vorwärts und stellten fest, daß der Raum zu einem Tunnel führte. Dort stand auf Schienen ein geschmückter U-Bahn-Wagen für 22 Fahrgäste. Offenbar hatte es schon früher eine U-Bahn in New-York gegeben, die aber in Vergessenheit geraten war.

Das Rätsel um diese vergessene U-Bahn ließ sich jedoch lösen: Der Erfinder und Herausgeber der Zeitschrift ‚Scientific American‘, Alfred Ely Beach, machte sich Mitte des 19. Jahrhunderts Gedanken über die Verkehrsprobleme in New York. So legte er im Jahr 1849 einen revolutionären Plan vor: Der Broadway, eine der verkehrsreichsten Straßen New Yorks, sollte untertunnelt werden, „mit Öffnungen und Treppen an jeder Straßenecke. Dieser unterirdische Gang soll mit doppeltem Schienenstrang und einem Fußgängerweg zu beiden Seiten angelegt werden“ – soweit die Pläne Beachs.

Bis zur Verwirklichung dieses Planes sollte es jedoch noch viele Jahre dauern. Auch weitere Verkehrsplaner konnten ihre Vorschläge für einen New Yorker Nahschnellverkehr nicht realisieren, da dies damals politisch nicht durchsetzbar war. Man wollte keine Konkurrenz zu den bestehenden Verkehrsgesellschaften. Mit einer List gelang es Beach jedoch, seinen Plan zu verwirklichen. Er beantragte, unter dem Broadway zwei nebeneinanderliegende Tunnel bauen zu dürfen, die der „Weiterleitung von Briefen, Paketen und Waren“ an das Hauptpostamt dienen sollten. Diese Tunnel waren zu klein für eine Personenbeförderung, so daß Beach die Genehmigung erhielt. Unter dem Vorwand, Kosten sparen zu wollen, beantragte er dann, für dieses Projekt nur einen einzigen, dafür aber großen Tunnel bauen zu dürfen. Beachs Änderungsantrag wurde genehmigt und seine List blieb tatsächlich unbemerkt.

Sogleich begann Beach mit der Arbeit. Dazu ging er jedoch sehr unauffällig vor. Er grub aus dem Keller eines Geschäftes. Die Erde ließ er nachts mit Wagen abtransportieren, deren Räder zur Schalldämpfung umwickelt waren. In nur 58 Nächten wurde der 95 Meter lange Tunnel fertiggestellt. Im Februar 1870 wurde die Broadway-U-Bahn einer ahnungslosen Öffentlichkeit vorgestellt, und die Sensation war perfekt. Über 400 000 Menschen besichtigten die U-Bahn innerhalb eines Jahres.

Doch auch diese New-Yorker U-Bahn war nicht die erste U-Bahn überhaupt. Bereits 1863 wurde in London die erste unterirdische Bahnstrecke der Welt eröffnet. Natürlich wußte Beach von dieser U-Bahn, und auch von den Problemen, die sich dort durch den Dampfmaschinen-Antrieb ergeben hatten. Die Luftqualität war durch Ruß, Abgase, Kohlenstaub und Dampf äußerst schlecht. Daher ging Beach bei seiner New Yorker U-Bahn einen anderen Weg: Luftantrieb.

Hierzu befand sich an einem Ende des Tunnels in einer Nische ein riesiges Gebläse das einen Überdruck erzeugte, durch das der Zug langsam und gemächlich mit 10 km/h an das andere Ende des Tunnels geschoben wurde. Für die Rückfahrt wurde das Gebläse umgeschaltet und es entstand ein Unterdruck im Tunnel, so daß der Zug durch diesen Sog zurückgezogen wurde.

Die üppige Ausstattung, über die sich die Arbeiter im Jahre 1912 bei der Wieder-Entdeckung des Tunnels so sehr wunderten, hatte einen ganz praktischen Grund: Die Menschen waren damals noch nicht an Untergrund-Bahnen und Tunnelsysteme gewöhnt. Es gab mancherlei Ängste – teils begründet, teils aber auch unbegründet und abergläubisch. Daher ließ Beach die Wartehalle mit Zirkoniumlampen erleuchten, die damals zu den hellsten Lampen gehörten. Auch die prächtige Ausstattung der Halle mit Plüschsesseln, Statuen, einem Goldfischbecken und sogar einem Klavier diete dem Zweck, daß die Fahrgäste sich wohlfühlen sollten.

Die prunkvolle Zeit dieser ersten New Yorker U-Bahn währte jedoch nicht lange. Bereits 1873, also ungefähr drei Jahre nach Eröffnung, bewirkte ein Börsensturz das plötzliche Ende der luftbetriebenen U-Bahn. Und so geriet der Tunnel in Vergessenheit, bis man knapp 40 Jahre später, im Jahre 1912, zufällig darauf stieß. Und so mußten die Geschichtsbücher der Stadt New York neu geschrieben werden: Die erste New Yorker U-Bahn wurde nicht 1904 eröffnet, sondern bereits 1870. Ein Teil des von Beach erbauten Tunnels gehört heute übrigens zur City-Hall-Station im Zentrum von Manhattan.

(Basierend auf: „Erwachet!“ vom 22. März 1997)

Beach Pneumatic Transit, 1912Inzwischen gibt es im Internet einige Infos zu diesem Kuriosum. Auch ein eigener Wikipedia-Artikel auf deutsch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Beach_Pneumatic_Transit

Joseph Brennan hat so ziemlich alles über den Beach Pneumatic Transit zusammengetragen, was sich noch finden lässt. Auch die alten Fotos der Wiederentdeckung sind dort zu finden:
http://www.columbia.edu/~brennan/beach/

Nun bin ich gespannt, ob wir bei der Führung heute auch von ähnlich spektakulären Entdeckungen hören werden. Wenn ich mich recht erinnere, hat man durch den U-Bahn-Bau auch interessante Sachen aus römischer Zeit gefunden.

Akkus sind geladen und Speicherkarte leer, meine älteste Fototasche wird gleich „tunnelkompatibel“ gepackt, das Abenteuer kann beginnen…

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