Die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur

Veröffentlicht: 13. Juli 2011 in Weltanschauliches
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Vor kurzem habe ich begonnen, „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins zum zweiten Mal zu lesen. Zu Beginn des zweiten Kapitels bin ich auf folgende Sätze gestoßen:

Der Gott des Alten Testaments ist – das kann man mit Fug und Recht behaupten – die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.

Dieser „Gott des Alten Testaments“ ist auch der Gott, den Jesus angeblich einst angebetet hat. Im „Neuen Testament“, also den christlichen Schriften nach Jesus, wurde er zwar weitgehend gezähmt, und man redet in den meisten christlichen Religionen lieber von Jesus als von Jahwe bzw. Jehova. Der Sohn hat einfach bessere Sitten als sein cholerischer Papi. Dennoch ist Jahwe/Jehova aus der Entwicklung des Christentums nicht wegzudenken. Daher finde ich die Frage interessant, wie Christen heute damit umgehen, sofern sie es nicht einfach verdrängen oder alle Greueltaten ihres Gottvaters für gut erklären, weil sie ja von ihm sind.

In einem Online-Forum für lebendiges Christsein hat vor einigen Jahren jemand das obige Dawkins-Zitat zur Diskussion gestellt. Bob, dem Foren-Baumeister, fiel dazu gleich folgende Antwort ein:

GOTT JHWE ist gut, alles was ER tut ist gut!
Die Menschen sind böse, gegen GOTT, den sie hassen.
Daher zeigt GOTT Gericht, ER zeigt , daß ER zu fürchten ist.
Besonders am ENDE, dem ENDGERICHT wird ER alle Ungehorsamen in die HÖLLE werfen.

Das zeigt GOTT im AT durch irdische Gerichte.
Sie dienen der Warnung.

Dieser gottlose R.Dawkins wird das noch erleben.

Nur durch Glauben an Jesus werden wir vor dem Gericht bewahrt.
Dazu steht sehr viel im Forum.

Bei einer solchen Antwort (nachzulesen hier), weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Es wird aber noch schlimmer:

Es gibt in der Bibel KEINE Einflüsse von außen!

GOTT, der Schöpfer des Universums und aller Menschen/Tiere/Wesen usw.
duldet keine Einflüsse von außen.

Gerade das macht Christen aus, daß sie das erkennen dürfen.

Die Bibel ist nämlich KEIN Menschenwerk.

So stehts geschrieben.2.Petrus1Vers 20/21.

Aber lassen wir den Meister der Zirkelschlüsse nun beiseite, da er ohnehin keine brauchbare Antwort liefert. Für ihn sind alle Greueltaten Jehovas keine Greueltaten, weil er ja schon vorher festgelegt hat, Gott sei gut und könne somit keine Greueltaten begehen. Immerhin sagt er das ja selber. In der Bibel. Und die sagt von sich selber, kein Menschenwerk zu sein…

Für mich war vor gut 10 Jahren die Frage nach den seltsamen Sitten Gottes im Alten Testament der Kristallisationskeim, durch den ich mich aus meiner religiösen Indoktrination befreien konnte (also direkte Folge intensiven Bibellesens). Es passte einfach nicht für mich zusammen, dass es angeblich der gleiche Gott sein sollte, der vor wenigen Tagen (nach seiner Zeitrechnung „1000 Jahre = 1 Tag“) es noch unheimlich cool fand, dass sein Lieblingsdiener als Brautgeschenk für des Königs Tochter 200 Philistervorhäute abschnibbelte (nach Tötung der Träger, versteht sich). Und der jetzt, seit „vorgestern“, auf einmal einen auf liebevoll und friedlich macht und möglichst nicht mehr an die Leichen erinnert werden möchte, die er noch im Keller hat. Und der es als Sünde ansehen würde, wenn ich nur meinen Grundwehrdienst abgeleistet hätte – selbst wenn ich dabei nicht 200 Unbeschnittene getötet hätte.

Dieser Gott, der angeblich von Ewigkeit zu Ewigkeit unveränderlich ist, geht also mit der Zeit. Er ist nicht der Erfinder der Menschenrechte (eher schon der Sklaverei). Aber als Menschenrechte populär wurden (gegen den Widerstand der etablierten Religionen), sprangen seine angeblichen Diener schließlich darauf an und erzählen heute kackfrech, gar die Urheber solchen gesellschaftlichen Fortschritts zu sein.

Der Gott der Bibel passt sich also dem Kenntnisstand und der moralischen Stufe der Gesellschaft an. Er ist ethisch nicht weiter als seine Diener. Man könnte auch sagen „als seine Erfinder“. Gott ist das „imagninäre Alphatier“, zu dem die Herde aufschaut. Er ist aber immer Teil der Herde. Vor etwa 2500 Jahren sagte Xenophanes von Kolophon den berühmten Satz: „Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus“. Äußerlich mag dieser Vergleich auf die griechische Götterwelt eher zutreffen als auf das monotheistische Gottesbild eines nicht darstellbaren, unsichtbaren Gottvaters. Aber auch dieser wandelte vor etwa 7000 Jahren (also letzte Woche) noch unter den ersten beiden Menschen zur Tageszeit der Brise durch den Paradiesgarten. Später zeigte er sich nicht mehr so frei, aber mit viel Glück sah man vielleicht seinen Rücken oder hörte zumindest seine Stimme in einem brennenden Dornbusch. Noch eine Zeit später ließ er sich nur noch durch Engel vertreten. Heutzutage schweigt er komplett, dafür plärren seine Diener aber umso lauter. Außer bei der aufgeworfenen Frage nach den Gräueltaten ihres Oberbosses. Da hört man von ihnen nicht viel…

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Kommentare
  1. Den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Testament in der Botschaft habe ich auch nie verstanden. Da ist echt sehr viel willkür, bestrafung und gewalt

  2. Predrag sagt:

    Ein perfekter Beitrag! Tausendmal bravo!!! Darf ich ihn als Link auf meinem FB Profil veröffentlichen?

    • RoFrisch sagt:

      Danke für das Lob. Klar darfst Du ihn verlinken, wo immer Du möchtest. Das gilt übrigens für alle meine Artikel und Seiten. 🙂
      LG, Roland

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