Sind Kontrolleure Schweine?

Veröffentlicht: 13. Oktober 2011 in Bahn und Wahn, Weltanschauliches
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Vor einigen Tagen – am 7. Oktober war’s – stieß ich in Twitter auf einen dieser Kontrolleur-Tweets von zweifelhafter Nützlichkeit. Jemand, der sich als „Berufspolemiker“ bezeichnet, schrieb dort:

#KVB kontrolliert auf Linie 3 von Deutz Richtung Neumarkt. Schweine…

Nun finde ich diese Kontro-Warnungen noch unnützer als Radar-Tweets. Denn die Kontrolleure sind vermutlich 5 Minuten später schon in einer anderen Linie unterwegs. Wer sich also nen Fahrschein kauft, fährt deutlich entspannter als jemand, der ständig seine Twitter-Suche aktualisiert, nur um eventuell rechtzeitig gewarnt zu sein.

Aber hier geht es mir um was Anderes: Wieso sind Kontrolleure Schweine? Was machen die grundsätzlich falsch, das solche Beleidigungen rechtfertigt?
Okay, wenn ein Kontro oder eine Politesse etc. missbräuchlich oder unverschämt vorgeht, dann kann ich es noch ein bisschen nachvollziehen, wenn jemand in seiner Wut zu Schimpfworten greift. Aber sie grundsätzlich zu beschimpfen, auch wenn sie ihre Arbeit ordnungsgemäß machen, finde ich daneben. Daher antwortete ich:
Sie kontrolliert Schweine und ehrliche Fahrgäste. „@berufspolemiker: #KVB kontrolliert auf Linie 3 von Deutz Richtung Neumarkt. Schweine…“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

@rofrisch Sie klingen, als fühlten sie sich angesprochen?! Ich als ehrlich Zahlender fühle mich in der #KVB nicht als Gast…

Ob nun Gast oder Kunde, das wollte ich nicht vertiefen. Vielmehr schrieb ich:
@berufspolemiker Wo ist das Problem? Kinobetreiber kontrollieren auch Tickets, ohne deshalb als Schweine beschimpft zu werden.
Scheinbar gibt es aber einige Unterschiede zwischen Kinotickets und Fahrscheinen, wie mich der Berufspolemiker nun aufklärte. Ab dieser Stelle war mir die Diskussions-Begrenzung durch Twitter auf 140 Zeichen – und das Tippen auf dem Handyscreen – doch zu lästig, weshalb ich dazu hier im Blog Stellung nehme und nicht auf Twitter. Hier also die Pseudoargumente, warum Kontrolleure im Nahverkehr Schweine sind, während Kinoticketkontrolleure offenbar als Menschen wahrgenommen werden:

@rofrisch Kinos verkaufen immerhin Tickets am Eingang, klimatisieren den Saal und erlauben Nahrungsaufnahme…

Gleich 3 „Argumente“ gibt es also, die aus Kontros Schweine machen – vermutlich aber aus allen KVB-Mitarbeitern, denn die angeführten Punkte liegen ja nicht im Entscheidungsbereich der Kontrolleure.
1. Tickets am Eingang. DAS ist natürlich ein Super-Argument. Denn die KVB verkauft Tickets am Eingang (Bahnsteig) UND im Fahrzeug. Und in Kundencentern. Und als HandyTicket. Also wirklich eine Schweinerei, dass die KVB nicht nur Einzeltickets am Eingang der Bahn verkauft…
2. Klimatisierung. Ich weiss nicht, ob es in Deutschland noch unklimatisierte Kinos gibt. Sind die Ticketabreißer dort Schweine? Waren sie Schweine, als noch alle Kinos unklimatisiert waren? Fakt ist jedenfalls, dass die KVB seit 2003 bei neuen Stadtbahnserien nur noch klimatisierte Fahrzeuge kauft. Die Serien 5100, 5200 und 4500 sind klimatisiert.
3. Nahrungsaufnahme. Kinos finanzieren die Beseitigung des Drecks, den die Kunden hinterlassen, über den Verkauf von Popcorn, etc. Welches Kino oder Restaurant, oder welcher Konzertbetreiber gestattet denn Nahrungsaufnahme von selbst mitgebrachten Lebensmitteln? Insbesondere, wenn sich ein erschreckend großer Teil der Kundschaft nicht benehmen kann und den Müll einfach auf den Boden wirft.

@rofrisch Kinos freuen sich über Gäste und bieten ausreichend Komfort für den überteuerten Preis. Vor allem muss man nicht hingehen…

4. Freude über Gäste. Auch die KVB freut sich über zahlende Fahrgäste, die sich ordentlich benehmen und die Mitarbeiter nicht als Schweine titulieren. Ich kann da keinen grundsätzlichen Unterschied erkennen. Denn auch Kinos freuen sich nicht über Schwarz-Seher, die sich reinmogeln. Und Kinos kriminalisieren ihre potentiell abfilmenden Kunden durch Werbespots mit Gefängnisgittern. Nahverkehrsbetriebe erinnern nur per Aufkleber an die Pflichten und schreiben auch nicht beim ersten Schwarzfahren eine Anzeige.
5. Ausreichend Komfort für den überteuerten Preis. Welchen Komfort wünschst Du denn noch? Es werden von dem Fahrgeld nicht nur Züge und Busse betrieben, sondern auch Rolltreppen, Aufzüge, etc. Insgesamt ist der Preis nicht mal kostendeckend, also keinesfalls so überteuert wie ein Kinobesuch für 11 Euro. inkl. Plastikbrille oder Popcorn für 6 Euro. Falls Du mit Komfort auf Plastiksitze statt Polster anspielst: Das haben sich die Fahrgäste selbst zuzuschreiben, die es völlig normal finden, die Stoffbezüge mit ihren Schuhsohlen zu ramponieren.
6. Vor allem muss man nicht hingehen. Genau. Spar Dir das Kino und die KVB. Kauf (oder klau) Dir ein Fahrrad. Oder fahr Taxi ohne zu bezahlen. Sind ja eh alles Schweine, außer Du.

@rofrisch Es ist das selbstgefällige, altpreußische Verhalten, welches KVB, Politessen, Ordnungsamt und Blockwarte eint. Mag ich nicht.

Mit dem Blockwart-Vergleich erfüllst Du einige Takte zu früh Godwins Gesetz. Da hätte ich von einem „Berufspolemiker“ deutlich mehr erwartet. Nunja, Nazi-Vergleiche, auch NS-Vergleiche, Hitler-Vergleiche oder Goebbels-Vergleiche sind Vergleiche von Ereignissen, Personen oder Institutionen mit denen der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Nazi-Vergleich dient als sogenannter Fehlschluss und als „Totschlagargument“ häufig der Diffamierung des politischen Gegners“. Daher ist an dieser Stelle Deiner argumentfreien Polemik nichts mehr hinzuzufügen – außer natürlich in den Leserkommentaren zu diesem Artikel.
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Kommentare
  1. Roland sagt:

    Ich hätte nicht besser (aber auch nicht viel anders) mit dem Berufspolemiker korrespondiert.
    Gut gemacht, Namensvetter!

    • KölscheJung sagt:

      Zum einen sollte man vielleicht auch mal an die armen Schweine oder Säue (in den Ställen!) denken, die hier einfach so diffamiert werden. Zum anderen ist das ganze ein Erziehungsproblem:

      Kontrolle ist ein leider notwendiges Übel. Beide Seiten sollten sich zurückhaltend und freundlich/bestimmend verhalten. Beide Seiten haben hier Vertreter, die durch ihre Handlungen zu Vorurteilen beitragen. Es wäre hier an der Erziehung der Eltern/der Gesellschaft, dass ein derartiges Zusammentreffen immer mit beiderseitigem Respekt geschieht.

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