Das Nahverkehrs-Grundgesetz

Veröffentlicht: 17. Dezember 2011 in Bahn und Wahn
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Gestern war – nach meinem Empfinden – einer der chaotischsten Tage des Jahres, was Störungen und Verspätungen im Kölner Stadtbahnverkehr betraf. Haupt-Auslöser war wohl eine defekte Linie 18, die mehrere Stunden lang die Strecke an der Slabystraße blockierte. Daher wurde die 18 über die Hochbahn-Strecke der 13 umgeleitet. Zwischendurch gab es dann wohl noch Probleme mit einer 13 an der Nussbaumerstraße, so dass eine Zeitlang gar keine Züge mehr auf die „Vorgebirgsbahn“ Richtung Bonn gelangten.

Als die Umleitungs-Strecke und später auch die planmäßige Strecke wieder frei wurden, waren verständlicherweise die Züge der 18 komplett aus dem Fahrplantakt. Für Leitstelle und Fahrer geht es nun darum, die Züge so „kurzzusetzen“, dass sie mit einer Wendefahrt vor der Endstation möglichst wieder auf ihre Fahrplanzeit gelangen können. Dabei muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass genügend Züge auch die Streckenabschnitte bis zu den Endstellen bedienen, damit die Fahrgäste auch dorthin gelangen können. Was aber u.A. wegen Dienstplan, Arbeitszeiten und Ablösungen nicht immer so einfach ist.

„Meine“ 18 hatte nun die planmäßige Endstelle Klettenbergpark. Sie war laut Fahrplan etwa 20 Minuten zu früh, was beispielsweise dann vorkommt, wenn sie fast eine komplette Rundenzeit hinter der Störstelle festhing.

Am Barbarossaplatz sprach mich ein Fahrgast an, weil laut Anzeige 4 Kurse bis Klettenberg fahren würden. Wann denn endlich ein Zug nach Brühl oder Bonn käme? Ich empfahl ihm, doch erstmal bis Klettenberg mitzufahren; vielleicht würde z.B. dieser Zug ja bis Hürth-Hermülheim verlängert.

Und so kam es: Ich teilte der Leitstelle mit, dass ich – wenn gewünscht – die Fahrgäste bis Hermülheim bringen und dennoch auf der Rücktour pünktlich starten könnte. Man bedankte sich für den Vorschlag, sprach mit dem Stellwerk der HGK. Und ich schilderte „Hürth-Hermülheim“. Passend für den Fahrgast, dem ich die Mitfahrt empfohlen hatte, als noch „Klettenbergpark“ auf dem Zug stand. Aber unnütz für die Fahrgäste, die sämtliche Klettenberg-Züge haben an sich vorbeifahren lassen, weil sie ja bis Efferen oder Hermülheim gelangen wollten.

Und damit sind wir bei dem „Grundgesetz“ des Survivals im Nahverkehrs-Dschungel zu Störungszeiten: Fahre Deinem Ziel schonmal so weit wie möglich entgegen. Auch wenn der Zug Dich (laut aktueller Anzeige) nicht ganz bis dorthin bringen wird. Die Anzeige kann sich ja noch ändern, wenn der Fahrer neue Anweisungen erhält. Ob Du nun am Barbarossaplatz oder in Hermülheim im Regen stehst, macht nicht so einen großen Unterschied. Aber Deine Chancen steigen beträchtlich, Dein Fahrziel früher zu erreichen.

In Hermülheim hatte ich dann noch kurz Zeit für einen Toilettengang. Dabei kam ich am Bahnsteig wieder an dem erwähnten Fahrgast vorbei. Gerade hatte er den Zug Richtung Brühl vorbeifahren lassen – also sprach ich ihn freundlich an. Er meinte, „Brühl“ nütze ihm nichts, weil er weiter müsse und daher auf die 18 „Bonn“ warten müsse. Offenbar hatte er die oben genannte Strategie noch nicht verstanden.

Daher erklärte ich sie ihm nochmal kurz: Was ist, wenn der Fahrer der Brühler 18 nun die Anweisung bekommt, doch bis Bonn durchzufahren? Er ist dann nicht an Bord. Oder wenn die Leitstelle Bonn beschließt, einen verspäteten Zug nur von Bonn nach Brühl und wieder zurück nach Bonn zu schicken? Er steht dann noch nicht in Brühl am Bahnsteig…

Da machte es fast hörbar „Klick“ bei dem Fahrgast, und er hatte das Prinzip verstanden. Bei der nächsten größeren Fahrplanstörung wird er seine neu erworbenen „Nahverkehrsdschungelüberlebensskills“ vermutlich praktisch anwenden können und vielleicht trotz Verspätungs-Chaos mit einem zufriedenen Grinsen in der „Klettenberg-18“ an den wartenden Fahrgästen vorbeifahren. Und 45 Minuten früher zu Hause sein als sein Nachbar, den er draußen unter den Wartenden erblickt.

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Kommentare
  1. mathepauker sagt:

    Wie ging denn das mit der Umleitung der Linie 18 über die Gürtelstrecke? Aus Richtung Klettenberg kommend gibt es doch keine Möglichkeit, vom rechten Gleis (Richtung Barbarossaplatz) nach links (Richtung Sülz) abzubiegen.

    • RoFrisch sagt:

      Man kann sehr wohl von Klettenberg aus kommend auf die Gürtelstrecke gelangen: Kopfwechsel an der Haltestelle Sülzgürtel, Schlüsseln der Weiche Richtung Schleife Neuenhöfer Allee und dann einmal um den Häuserblock. Ab Berrenrather Straße ist man dann auf der Gürtelstrecke.

      Hier war das aber m.W. gar nicht notwendig. So viel ich weiß, stand der defekte Zug Slabystraße Richtung Klettenberg. Das Gegengleis wird frei gewesen sein; vermutlich war die Ableitung über die Hochbahn nur in Richtung Klettenberg bzw. Brühl und Bonn.

      Sicher weiss ich das allerdings nicht – ich hing zu der Zeit ja noch als Fahrgast in Waldorf fest.

  2. RoFrisch sagt:

    Hi Vicky, danke auch für Deinen Kommentar. Du schreibst: „IMHO auch ein Überlebenstipp: Wenn von deiner Linie gleich zwei Bahnen hintereinander kommen und beide zum gleichen Ziel führen, dann nimm die zweite Bahn. Sie wird weniger überfüllt sein“, und dazu möchte ich noch etwas anmerken:

    Prinzipiell ist dies zutreffend, und wir freuen uns auch über jeden Fahrgast, der einsichtig auf die zweite Bahn wartet, statt sich minutenlang in die Lichtschranke zu quetschen.

    Allerdings gilt Folgendes zu beachten: Die erste Bahn direkt nach einer Störung (Falschparker, Unfall, etc.) wird fast immer durchgeschickt bis zur Endstation. Sie setzt man erst auf der Rücktour wieder auf Zeit. Bei der zweiten Bahn ist das Risiko größer, dass sie nicht bis zur Endstation durchfährt, da die Leitstelle davon ausgeht, der letzte Streckenabschnitt sei ja nun schon bedient worden. Pech, wenn man da hin möchte und in Bahn 2 sitzt, statt in der ersten zu „gruppenkuscheln“.

    Es kommen also eine Menge Faktoren zusammen, um die beste Strategie zu finden. Es ist halt doch ein urbaner Dschungel…

  3. RoFrisch sagt:

    Lieber Edmund (elba),

    vielen Dank für Deinen sehr zutreffenden Kommentar. Natürlich gibt es Gründe, von der genannten Regel abzuweichen, wie z.B. die von Dir genannten.

    Wenn momentan alles glatt läuft, steige ich auf dem Heimweg (vom Neumarkt nach Bornheim-Waldorf) auch nicht erst in die Klettenberg-18, dann ggf. noch in eine einrückende Vochem-18, dann in die Brühl-18 und zu guter letzt in meine Bonn-18. Sondern ich nehme dann natürlich den bequemen Weg und setze mich direkt ab Neumarkt in den Bonner Zug. Der Komfortgewinn ist größer als das mögliche Risiko, dass z.B. die Klettenberg-18 die letzte war, die vor einem Unfall durchkam.

    In meinem Fahrer-Alltag bekomme ich aber immer wieder Situationen mit, wo Fahrgäste (gerade im Störungsfall) offensichtlich ohne Grund etliche Züge an sich vorbeifahren lassen – wie im Artikel beschrieben.

    Ein Fall ist mir noch drastisch in Erinnerung; er ereignete sich einige Wochen nach Fahrplanumstellung, als damals die 3 wochenends nicht mehr bis Thielenbruch fuhr, sondern nur bis Holweide. Da sprach mich am Neumarkt eine ältere Dame an, wann denn nun endlich mal eine Thielenbruch-3 kommen würde. Dies sei nun schon die DRITTE Holweide-3. Sie hat also zwischen 30 und 45 Minuten gewartet, anstatt bis Holweide mitzufahren und ab dort die 18 nach Thielenbruch zu nehmen.

    Als ich ihr erklärte, die nächste Thielenbruch-3 käme laut Fahrplan Montag früh, entschied sie sich dann doch für eine Mitfahrt in der Holweide-3…

  4. Das kann ich so unterschreiben. IMHO auch ein Überlebenstipp: Wenn von deiner Linie gleich zwei Bahnen hintereinander kommen und beide zum gleichen Ziel führen, dann nimm die zweite Bahn. Sie wird weniger überfüllt sein.

    Aber gestern war schon ein wenig durcheinander. Am Abend kam vielleicht für eine halbe Stunde keine Linie 5 nach Ossendorf mehr. Naja, bin ich dann erst einmal zum Neumarkt gefahren und von dort aus zum Friesenplatz gelaufen. Ein wenig Bewegung soll ja gesund sein, hab ich gehört. Und siehe dann: Am Friesenplatz kamen dann gleich innerhalb von zehn Minuten gleich drei Bahnen mit dem Ziel „Am Butzweilerhof“. Da hat man doch fast die Qual der Wahl, oder?

  5. elba sagt:

    „Fahre Deinem Ziel schonmal so weit wie möglich entgegen.“ Dem ist grundsätzlich als eine der wichtigsten Regeln zuzustimmen.

    Es gibt aber auch Ausnahmen:
    An Knotenpunkten gibt es oft mehr Informationsmöglichkeiten als an irgendeiner Haltestelle am Stadtrand.
    Hat man die Möglichkeit, das Ziel über verschiedene Routen zu erreichen, empfiehlt sich eventuell ein Abwarten am möglichen Verzweigungspunkt.
    Dann können noch die Wetterlage (in der U-Bahn ist es wärmer als draußen) oder anderweitige Unterhaltungsmöglichkeiten („ich geh‘ nochmal eben in den Buchladen nebenan“) eine Rolle bei der Wahl des Aufenthalts sein.

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