Endlich werden Schranken-Ignoranten abkassiert

Veröffentlicht: 19. April 2013 in Bahn und Wahn, Weltanschauliches
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Seit Jahren ärgere ich mich über Leute, die Schranken und Halbschranken absichtlich ignorieren – meist zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Schon vor Jahren, als das Bußgeld dafür auf 225 Euro angehoben wurde, habe ich die entsprechende ADAC-Motorwelt-Meldung auf meiner damaligen Bahn-Homepage veröffentlicht und kommentiert. Inzwischen wurde dieser Betrag vom Gesetzgeber auf 350 Euro + Entwaldungsgebühren angehoben. Eben weil es KEIN Kavaliersdelikt ist, NICHT Privatsache, sondern ein gefährlicher Eingriff in die öffentliche Sicherheit. Selbst wenn man noch so gründlich aufpasst, ist das so, wie ich weiter unten deutlich machen werde.

Nur, was nützt ein Bußgeld, wenn es zwar theoretisch angedroht wird, aber so gut wie nie verhängt wird? Das war mein Eindruck in den letzten Jahren. Wenn überhaupt mal Polizisten an Bahnübergängen stehen, dann fast immer nur an unbeschrankten BÜs mit roten Ampeln. Dort heben sie mal ermahnend den Zeigefinger und kassieren schlimmstenfalls 5 oder 10 Euro, was den täglichen Irrsinn, der mittlerweile zum Volkssport geworden ist, gewiss nicht eindämmen kann.

Doch nun hab ich in der Online-Zeitung gelesen, dass tatsächlich mal das vom Gesetzgeber für Schrankenverstöße vorgesehene Strafmaß ausgeschöpft wurde. 373,50 Euro wurden inklusive Gebühren und Auslagen fällig. Bekannt macht dies freundlicherweise eine 67-jährige Pädagogin namens Eva Elisabeth Mahler-Behr, die sich nun per Zeitung und in der WDR-Lokalzeit als Opfer von Abzocke darzustellen versucht. Hier der Artikel des General-Anzeiger:

Abzocke in Oberkassel? Geschlossenen Bahnübergang überquert – 67-Jährige soll 373 Euro zahlen

Für eine Woche ist auch der Beitrag aus der WDR-Lokalzeit Bonn vom 17.4.2013 abrufbar. Einfach die beiden kurzen Filme „Schranken-Ignorierer“ und „Schranke zu und los“ anschauen, dann seht Ihr auch die Pädagogin mit Mission einmal live:

WDR Mediathek, Lokalzeit Bonn, 17.4.2013

Ich find’s ja ganz süß, wie die erfahrene Pädagogin sich windet, weil ihr die Strafe zu hoch vorkommt. Sie meint, sie hätte nur einen 80-Euro-Fehler begangen und keinen 370-Euro-Fehler? Sie wird also ungerecht behandelt, das Ganze ist Abzocke? Hätte man ihr 80 Euro abgenommen, dann hätte sie vermutlich argumentiert, dies sei Abzocke und 20 Euro hätten auch ausgereicht. Und dass sich die Polizei mal lieber um wichtigere Dinge kümmern sollte als um herumstreunende Renter an der Bahntrasse. Man kennt das ja auch von Radarkontrollen, etc. Statt kleine Brötchen zu backen und still das Bußgeld zu bezahlen, stellt man sich lieber als Opfer von Staatswillkür dar und präsentiert seine Erklärungen, warum man gute Gründe hatte, nur dieses eine Mal vor der Schule mit 70 statt 30 herzubrettern.

Doch was ist nun so schlimm am Schranken-Ignorieren, wenn man doch genau aufpasst, und wie die Vorbild-Pädagogin nur dann der Bahn bei Rot hinterherläuft, wenn keine Kinder oder Jugendlichen zuschauen? Zunächst einmal glaube ich kaum, dass sie stehengeblieben wäre, nur weil vor ihr ein 16-Jähriger selber an der Schranke vorbeiwetzt. Zu oft sehe ich in meinem beruflichen Alltag Leute, die selbst mit Kinderwagen oder kleinen Kindern an der Hand um die geschlossenen Halbschranken herumkurven. Und selbst, wenn Frau Mahler-Behr noch niemals in Gegenwart von Kindern oder Jugendlichen so gehandelt haben sollte, so verstärkt sie jedoch mit ihrem Verhalten derartiges Nichtbenehmen bei Leuten, die dann ihrerseits nicht darauf achten, wie viele Kinder sich dies dann abschauen werden.

Ein weiterer Punkt ist die Gefahr durch Gewöhnung. Wer zum ersten Mal absichtlich an einer geschlossenen Schranke durchläuft, macht dies vermutlich mit sehr hoher Aufmerksamkeit. Nach 100 Malen lässt die Aufmerksamkeit aber gewaltig nach. Dann noch eine kleine Ablenkung, und schon übersieht man den Gegenzug. Und überhören tut man ihn ohnehin, weil man ja solche gefährlichen Verstöße am liebsten mit In-Ear-Ohrhörern mit Noise-Cancel-Funktion begeht.

An Bahnübergängen kratzen die Verkehrsunternehmen jedes Jahr dutzende oder hunderte dieser eigenverantwortlich handelnden Schranken- und Rotlicht-Ignoranten aus dem Gleisbett. Alle diese wussten es natürlich vorher genau, dass ihnen sowas niemals passieren wird, weil sie ja immer sooo aufmerksam sind.

Hat man sich derartiges Verhalten über Jahrzehnte antrainiert, dann tritt ein weiterer Aspekt in Kraft. Irgendwann ist man nicht mehr so flott unterwegs, und auch die Sinnesleistungen nehmen ab. Der Blickwinkel schränkt sich ein, das Gehör wird schlechter, die Beweglichkeit auch. Aber das jahrelange Rot-Ignorieren wurde derart verinnerlicht, dass man davon nicht mehr ablässt. So schieben etliche ihren Rollator in winzigen Tippelschritten vor der Stadtbahn über die Gleise.

Daher halte ich es für absolut richtig, dass die Polizei mit drastischen Bußgeldern diesem Wahnsinn Einhalt gebietet. Leidtragende sind nicht nur Bahnfahrer-Kollegen, die traumatisierende Erfahrungen durch solche Unfälle verarbeiten müssen, sowie das Unfallopfer und Angehörige. Sondern auch alle, die mal wieder von stundenlangen Sperrungen und Verspätungen bei solchen Unfällen betroffen sind. Auch die Autofahrer, die dann lange im Stau stehen, weil auf diesem Bahnübergang nichts mehr geht. Ausfallzeiten der betroffenen Lokführer etc. wirken sich auf die Unternehmensbilanz und damit auch auf die Ticketpreise aus. Die medizinische Versorgung der Schwerverletzten kostet die Allgemeinheit auch Geld, etc. Es gibt eine lange Liste direkter und indirekter Auswirkungen. Dagegen sind 370 Euro fast nichts. Andere bezahlen viel mehr für so einen Irrsinn, Frau Mahler-Behr. Nämlich mit ihrer körperlichen Unversehrtheit oder sogar mit ihrem Leben. Seien Sie froh, wenn Sie mit nur 370 Euro davongekommen sind!

Da man leider bei den wenigsten Menschen auf Einsicht hoffen kann, erreicht man sie nur über Strafe. Es trappeln halt eine ganze Menge Leute auf den untersten Etagen der Kohlberg-Pyramide herum. Ohne Kontrolldruck ziehen sie kein Ticket, ohne Polizei machen sie, was ihrem kurzfristigen Vorteil dient. Werden sie für ihr Fehlverhalten auch noch belohnt (Schranken-Ignoranten bekommen die Bahn), dann verstärkt sich dieses Verhalten in Zukunft (Konditionierung). Einer der Gründe, warum ich solchen Leuten nach Möglichkeit die Tür vor der Nase zu mache und nicht extra wieder öffne. Wer 370 Euro riskieren kann, um die Bahn zu bekommen, der kann auch mit dem Taxi an seinen Zielort fahren. Das ist billiger und sicherer als Schrankenlaufen, und bequemer ist es meist auch noch.

Also, liebe Polizei, weiter so! Es ist keine Abzocke, sondern eine lebensrettende Maßnahme, wenn öfters für’s Schrankenlaufen und -radeln kassiert wird. Und für die Nerven von Bahnfahrern und Lokführern wäre es auch entspannend, wenn diese Trendsportart eingedämmt würde. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Danke an Frau Mahler-Behr, dass sie dieses wichtige Thema in Zeitung und Fernsehen trägt. Vielleicht laufen ja jetzt ein paar Leute weniger.

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Kommentare
  1. […] Endlich werden Schranken-Ignoranten abkassiert […]

  2. Sven sagt:

    Hervorragender Artikel, ganz meine Meinung. Wenngleich es etwas vom Thema abschweift, so ist ähnliches bei gefühlt mehr als 90% der Radfahrer in den Städten zu beobachten. Da werden teure Radwege angelegt, mit Ampeln extra für Radfahrer. Ergebnis: Auch dort, wo Radwege vorhanden sind, wird auf dem Gehweg oder auf der Straße gefahren, „rot“ zeigende LZA (egal ob für die Allgemeinheit oder speziell für Radfahrer) werden komplett ignoriert, bei „rot“ wird rechts an Autos vorbei, dann über den Gehweg in die rechtsabbiegende Straße und dort wieder auf die Fahrbahn gefahren. Ganz selbstverständlich. Verhängen von Buß- oder Verwarnungsgeldern? Auch hier: Fehlanzeige!

  3. Pierre sagt:

    Roland Dir gebe ich absolut Recht. 80 Tonnen Stadtbahn, gegen 80 Kilo Mensch, gehen für den Menschen nicht gut aus, wenn es zur Kollision kommt.

  4. Jan sagt:

    Völlig richtig Roland, weiter so !

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