Schrankenläufer und Rotlicht-Ignoranten

Veröffentlicht: 11. Mai 2014 in Bahn und Wahn, Weltanschauliches
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Ich habe glaub ich schonmal erwähnt, dass das Vorbeilaufen oder -radeln an schließenden oder geschlossenen Schranken bzw. Halbschranken keine Kleinigkeit ist, sondern in Deutschland mit 350 Euro (+ Verwaltungsgebühren) Bußgeld belegt ist.

Leider werden diese gut 370 Euro viel zu selten von der Polizei kassiert. Was zur Folge hat, dass diese Unsitte immer mehr um sich greift. In der Lokalzeit Bonn des WDR war einmal ein Beitrag über eine Frau, die sich öffentlich darüber aufgeregt hat, zur Kasse gebeten worden zu sein. Und dass dieses Kavaliersdelikt so teuer sei.

Meiner Meinung nach ist sie mit ihren 372,50 noch billig davongekommen. Andere bezahlen das mit ihrem Leben, z.B. heute wieder auf meiner Stammstrecke, der „Vorgebirgsbahn“-Linie 18 zwischen Köln und Brühl und Bonn:
Tödlicher Unfall auf der Luxemburger Straße: 30-Jährige von Bahn überrollt:

Gegen 12.20 Uhr ist eine 30-jährige Frau an der Haltestelle Arnulfstraße auf Höhe der Luxemburgerstraße 230 bei Rot über die Straße gegangen. Aus ungeklärter Ursache hat sie laut Angaben der Polizei die herannahende Bahn der Linie 18 in Richtung Innenstadt nicht gehört. Die Frau wurde von der Bahn erfasst, mitgeschleift und tödlich verletzt.

Okay, hier war es „nur“ eine Fußgängerampel ohne Schranken. Sie ist nicht nur bei Rot über die Straße gegangen, sondern auch über die Gleise. Aber alle 2,5 Minuten fährt auf der Strecke ein Zug; wie kann man da „nach Gehör“ überqueren wollen? Bestimmt hat sie sich wie hunderte Rotläufer, die ich wöchentlich beobachte, auch gedacht: „Et hätt noch immer jot jejange“. Aber nein, „Et kütt wie et kütt“, und manchmal kommts mit 40-60 km/h, mit langem Bremsweg und ohne Möglichkeit auszuweichen.

Meiner Meinung nach ist es weder eine harmlose Unsitte, noch eine Kleinigkeit oder ein Kavaliersdelikt, Gleise an roten Ampeln oder geschlossenen Schranken zu überqueren. Klar ist derjenige, der das Risiko eingeht, am stärksten betroffen. Nur Chuck Norris hält einen fahrenden Zug mit dem linken Ellbogen an. Aber selbst dann, wenn ein Überqueren risikofrei und ohne körperliche Folgen geschieht, berührt es doch einen grundsätzlichen Punkt, quasi einen stillschweigenden Vertrag zwischen dem Triebfahrzeugführer und der Öffentlichkeit. Darüber möchte ich hier kurz philosophieren:Die klassische Straßenbahn fährt „auf Sicht“, d.h. der Bahnfahrer sollte das Tempo so wählen, dass er vor einem stehenden und erkennbaren Hindernis noch rechtzeitig anhalten kann (möglichst mit einer Betriebsbremsung, also ohne Schienenbremsen). Fahren „auf Sicht“ bedeutet jedoch nicht, dass man vor plötzlich auftauchenden Hindernissen noch anhalten können muss. Also weder vor der Rotläuferin, noch vor dem kleinen Kind, dessen Mutter gerade noch eine SMS tippen musste, anstatt ihr Kind an die Hand zu nehmen.

Extremer wird es auf Strecken mit U-Bahn-Signalen oder Eisenbahn-Hauptsignalen. Dort fährt die Bahn nicht auf Sicht, sondern stellwerksgeleitet. Die Signale stellen u.A. sicher, dass die hauptsignalüberwachten Schranken zu sind und dass der Zug nicht auf den Vorausfahrenden auffahren kann. Deshalb kann der Zug selbst bei Nebel oder sonstigen schlechten Sichtverhältnissen schneller fahren, als dies beim Fahren auf Sicht zu verantworten wäre. Man kann auch mit 80 km/h oder mehr in eine (langgezogene) Kurve fahren; wenn dahinter gerade jemand seinen Wagen auf den Gleisen parkt oder ein Fußgänger „eine Abkürzung“ nimmt, dann kürzt er wahrscheinlich mehr als nur ein paar Minuten ab…

Dass Züge schneller fahren als es die Übersicht über die Strecke eigentlich zulassen würde, ist jedoch an eine Grundvoraussetzung geknüpft, die leider zunehmend missachtet wird: Personen im Gleisbereich, beispielsweise auf geschlossenen Bahnübergängen, sollten die absolute Ausnahme und nicht der Normalzustand sein. Es ist eine Art gesellschaftlicher Vertrag zwischen dem Triebfahrzeugführer und der Öffentlichkeit: Ich fahr hier schneller (im Sinne der Fahrgäste), weil ich mich drauf verlassen kann, dass mir der Weg freigehalten wird.

Jedesmal, wenn dagegen verstoßen wird, haben die meisten Triebfahrzeugführer erhöhten Puls und Grummeln in der Magengrube –  selbst wenn es nicht superknapp ist. Denn es kann immer was passieren, auch wenn ich das Geschehen aus dem stehenden Zug beobachte. Vielleicht kommt gerade der Gegenzug, aber der Schranken-Ignorant bzw. Rotläufer schaut nur auf meine Bahn, die er gerne noch bekommen möchte. Vielleicht rutscht er aus, tritt irgendwo rein, zögert dadurch 2 Sekunden länger als er dachte. Vielleicht ist es für ihn auch ohne Folgen, aber ein anderer Passant folgt ihm unachtsam. Menschen sind oftmals Herdentiere. Deswegen ist ein Überqueren der Gleise im Sichtbereich des Lokführers bzw. Bahnfahrers ein absolutes No-Go. Was Ihr macht, wenn absolut kein Zug zu sehen ist, ist mir fast egal. Aber selbst aus 500m Entfernung möchte ich niemand rüberlaufen sehen, wenn mein Signal schon Fahrt zeigt.

Vor ein paar Tagen habe ich auch die 18 gefahren, die jetzt mal wieder einen tödlichen Unfall hatte. In den 20 Minuten planmäßiger Fahrzeit zwischen Alfter und Brühl habe ich 4 Personen (VIER!) gesehen, die an 4 verschiedenen Bahnübergängen mit geschlossenen Schranken ganz cool und lässig rübergegangen sind, als sei das das Normalste der Welt.

Die erste war eine nicht mehr ganz junge Frau in Alfter. Sie wollte meinen Zug kriegen, war aber nicht rechtzeitig zur Haltestelle gegangen. Da ich wegen ihr eh stärker bremsen musste als eigentlich nötig, hab ich neben ihr angehalten und ihr die Meinung gesagt. Ich sei aber auch sehr zeitig dran, meinte sie. Ich wies sie darauf hin, dass dies nicht solches Fehlverhalten rechtfertigen könne und dass ich außerdem schon 1,5 Minuten zu spät sei; weshalb das „sehr zeitig“ nichts als eine unbegründete Ausrede sei. Sie stieg in Wagen 2 ein, nachdem ich den Zug bis zum Bahnsteig vorgezogen hatte.

In Merten dann ein Mann, ebenfalls kein leichtsinniger Jugendlicher mehr. Mein Zug stand schon am Bahnsteig, Fahrgastwechsel lief gerade, da hoppelte er an den Halbschranken vorbei. Meist warten wir dort auf den Gegenzug, der ihn dann evtl. unfreiwillig „mitgenommen“ hätte. Ich sprach ihn durch das Fahrerkabinenfenster an, als er vorne bei mir vorbeilief. „Es haben ja keine Kinder zugeschaut“ und ähnliche Ausflüchte und Selbstrechtfertigungen. Dass es trotzdem 350 Euro kostet, wenn die Polizei zuschaut, quittierte er mit einem „Jawoll, Herr Obersturmbannführer“.

Das brachte das Fass nahezu zum Überlaufen. Am liebsten hätte ich ihn aus Wagen 1 herausgeprügelt, aber wir sind ja friedlich und nett bei der KVB und SWB. Entschuldigen wollte er sich natürlich nicht und verzog sich in den hinteren Wagenteil. Ich meine, wenn einer von uns beiden ein Nazi ist, dann vermutlich er – denn er meint ja, über dem Gesetz zu stehen und seine eigenen Regeln machen zu können: Schranken gelten in Merten nur, wenn Kinder in der Nähe sind…

Nach diesem Erlebnis ging mir der Gedanke mit dem Gesellschaftsvertrag zum ersten Mal durch den Sinn. Und ich kam zu der Erkenntnis, dass es eigentlich unverantwortlich ist, auf Bahnübergangssicherungen zu vertrauen, wenn sich 30% der Leute im Vorgebirge nicht dran halten. Kaum jemand würde ja auch auf der Autobahn mit 150 daherrasen, wenn er im Verkehrsfunk gehört hätte, dass dort spielende Kinder gesichtet wurden. Oder ein Geisterfahrer, eine suizidgefährdete Person oder eine Herde Schafe.

Daher beschloss ich, mindestens eine Viertelstunde nur noch auf Sicht zu fahren (also max. 40 km/h) und jeden Bahnübergang mit Anhalten und Achtungssignal selbst zu sichern. So zu fahren, als seien Schafe im Gleis und jemand mit Selbstmordabsichten. 15 Minuten; jeder weitere Schrankenläufer würde die Zeit wieder neu beginnen lassen.

Zweimal wurde das Experiment in den 15 Minuten noch verlängert. Von Leuten, die nichtmal in meinen Zug wollten, sondern die einfach nicht 1 Minute warten können, bis die Bahn durch ist und die Schranken wieder öffnen. Manchmal frage ich mich wirklich, warum der Staat noch Schulden hat, wenn er von jedem dieser Schrankenidioten äh -ignoranten 350 Euro kassieren darf.

Mit 12 Minuten Verspätung, aber wieder deutlich entspannter, erreichte ich Köln. Ich hoffe, dass wenigstens die beiden in meinem Zug ihre Anschlüsse oder Termine verpasst haben.

Das mit dem Anhalten vor Bahnübergängen werde ich natürlich nicht dauerhaft machen. Aber ich denke ernsthaft darüber nach, künftig Bahnübergänge und Kreuzungen generell nur noch mit max. 40 km/h zu befahren. Es schont meine Nerven und kostet kaum Zeit. Vielleicht rettet es mal einem der Rotlichtsünder das Leben. Während der Reha hat er im Rollstuhl länger Gelegenheit, über sein Fehlverhalten nachzudenken als während der paar Minuten vergeblicher Reanimationsversuche.

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Kommentare
  1. Georg sagt:

    Vielleicht sollte die Polizeit statt „Blitzer-Marathons“ mal einen ausführlichen Bahnübergangs-Marathon abhalten. ~370 Euro sind doch viel besser für die Staatskasse als durchschnittlich ~20-50 Euro füs zu schnell fahren mit dem Auto…

    • RoFrisch sagt:

      Ich meine auch. Wenn jeder Polizist 20 von den Deppen im Monat aufschreibt (hat er in 2 Stunden zusammen…), dann hat sich seine Planstelle schon refinanziert.

  2. Jan sagt:

    Genau richtig so.

    Ich denke es muss sich grundlegend was ändern.
    Viele dieser Delikte siehst du als Bahnfahrer ja gar nicht mal so direkt, weil die BÜs ja auch laaange Schließzeiten haben.

    Eigentlich sollte man Beschrankungen und Lichtzeichen entfernen, kostet ja anscheinend eh nur Geld, wenn sich kein Schwein dran hält.

  3. lemanshots sagt:

    Ein sehr treffender Bericht! Erinnert mich an den Deppen, der neulich vor meinem Wagen über die Straße gehüpft ist, als ich schon längst grün hatte und (gottseidank) nicht sofort losgefahren bin…

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